Ev.-luth. St. Johannis Gemeinde Uslar

"Ich bin gerne wieder gekommen, um mich mit Ihnen auf den Weg zu machen."

Mon, 19 Aug 2019 11:57:52 +0000 von StJohannis Uslar

© St. Johannis Kirchengemeinde
Pastorin Astrid Jasper
Liebe Gemeinde,

nach fast 4 Monaten Studiensemester an der Universität in Greifswald melde ich mich wieder bei Ihnen zurück. Es ist schön, wieder hier zu sein. Und ich freue mich allerorts über das herzliche Willkommen mit Blumen, Umarmungen, liebe Grüßen und guten Wünschen. „Schön, dass du wieder da bist.“ „Wir haben dich vermisst.“ „Wird aber auch Zeit.“ Das tut gut und gibt mir das Gefühl, hier bei Ihnen am richtigen Ort bin. „Und???“ fragen mich viele, „Was hat es dir gebracht? Wird sich jetzt bei uns alles ändern? Gibt es neue Ideen und Impulse? Und was hast du da überhaupt gemacht?“

Ich habe mich zusammen mit 15 Kollegen und Kolleginnen aus Deutschland und der Schweiz nach 30 Jahren noch einmal in die Uni gesetzt, bin jeden Morgen früh aufgestanden, bin bei Wind und Wetter 4 km zum Hörsaal geradelt, habe mit jungen Menschen auf alten Holzbänken gesessen und mit Staunen und offenen Ohren den geistigen und sprachlichen Höhenflügen der Professoren gelauscht.
Ich habe unser schönes Uslar verlassen und ein kleines spartanisches Studentenappartement bezogen, ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch. Immerhin ein eigenes Bad und eine Kochzeile.

Ich bin aus einer Gegend, in der Kirche für Viele noch etwas bedeutet und ihr Anerkennung zollt, in einen Landstrich gezogen, wo noch maximal 10% der Menschen in der Kirche sind, viele damit gar nichts anfangen können oder ihr gar feindlich gesinnt sind. Ich bin aus meiner Arbeit, in der ich versuche für andere da zu sein, in eine Gruppe gekommen, wo ich danach gefragt wurde, was mir an meiner Arbeit wichtig ist, wo meine Kraftquellen sind und was ich mir in meiner Gemeinde wünsche.
Ich bin aus einer Landschaft mit sanften Hügeln und glucksenden Bächen aufs flache Land ans Meer gezogen, wo mich um 5 Uhr das schrille Kreischen der Möwen aus dem Schlaf gerissen hat. Wie viele Projekte habe ich im Laufe der Zeit mit entwickelt und auf den Weg gebracht und nun war ich in Pommern unterwegs um diakonische Projekte, Bibelinstitute und Kirchenevents zu besuchen.

„Und??? Was hat es dir gebracht?“ Die Frage habe ich immer noch im Ohr: Wenn ich eine kurze Antwort darauf geben soll, würde ich sagen, einen Perspektivwechsel.

Wer die Perspektive wechselt, also alt bekanntes verlässt, wird Neues entdecken aber auch Altes in Fra-ge stellen oder neu schätzen lernen. Man muss nur einmal versuchen sich in eine andere Person oder an einen anderen Ort zu versetzen, dann wird man staunen, wie sich die eigene Sichtweise hier ändert und an Qualität gewinnt, weil man neue Blickwinkel dazu gewinnt. Im Umgang miteinander ist das eine wichtige Grundlage. Ich sehe nicht immer nur meine Blickrichtung, sondern versuche zu sehen, wie andere es sehen und meinen. Im Neuen Testament hat Jesus uns das an vielen Stellen vorgemacht: einen Perspektivwechsel vom Selbstgerechten auf den Zöllner. Von dem, der an erster Stelle stehen will, auf den, der ganz hinten steht. Von dem, der sich bedienen lässt auf den, der dient. Von dem, der gesund und stark ist auf den, der krank und schwach ist. Wer seine eigene, manchmal bequeme Perspektive verlässt, wird einen neuen Blick auf die Welt bekommen, wird entdecken, was notwendig ist und was man selber tun und ändern muss. Durch diesen Perspektivwechsel habe ich gelernt, dass ich eine von vielen bin, dass jeder sehr anders sein kann und dass das Ziel doch das gleiche ist. Ich
habe gelernt, neu zu lernen und alte Theologien zu hinterfragen. Ich habe einen Einblick in die Situation von Kirche bekommen, die auch uns bevor steht. In diesem Jahr haben sich nur noch 50% der Jugendlichen als Konfirmanden angemeldet. Eine Taufe, kirchliche Trauung oder Beerdigung ist für viele keine Selbstverständlichkeit mehr. Das stellt uns als Gemeinde und Kirche vor große Herausforderungen. Um das zu sehen und neue Wege zu suchen und zu finden, ist ein Perspektivwechsel ein erster wichtiger Schritt. Ich bin gerne wieder gekommen, um mich mit Ihnen auf den Weg zu machen.

Herzliche Grüße und Gottes Segen wünscht Ihnen Ihre Astrid Jasper